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Benjamin Roth

Geschäftsführer des Urban Sports Club

Prof. Dr. Petra Wagner

Gesundheit und Rehabilitationssport | Universität Leipzig

Dr. Heidrun Thaiss

Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Dr. Karin Barnard

Leiterin der Stabsstelle Präventionsmedizin der Paul Gerhardt Diakonie in Berlin

Prof. Fiona Bull

University of Western Australia
World Health Organization WHO

Sport, Bewegung und Gesundheit in der digitalisierten Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln zusammendenken

Dr. Herbert Dierker von der Senatsverwaltung für Inneres und Sport Berlin im Interview zum Kongress „Urban Sport & Health“.

Dr. Herbert Dierker ist Leiter der Abteilung Sport der Senatsverwaltung für Inneres und Sport Berlin. Im Interview erklärt er, was sich die Organisatoren von dem Kongress Urban Sport & Health wünschen, der am 19. und 20. November 2018 in auf dem GLS-Campus in Berlin-Prenzlauer Berg stattfinden wird.

Sehr geehrter Herr Dierker, worum geht es bei Urban Sport & Health?

Wir möchten durch den Kongress aus verschiedenen Blickwinkeln die Aufgabe einer gesundheitsorientierten Bewegungsförderung beleuchten. Insbesondere geht es uns dabei um eine Definition der Rolle, die der Sport dabei spielt.

Bewegungsförderung ist ein Aufgabenfeld, das ressortübergreifend ist. Es ist eingebettet als Public Health in gesundheitspolitische Zielsetzungen, steht als Gesundheitssport im Fokus der Sportpolitik und möchte im Sinne einer lebenswerten Stadt stadtentwicklungspolitische Aufgaben verfolgen. Wir möchten erreichen, dass die Akteure durch eine bessere Wahrnehmung effektivere Strategien entwickeln und umsetzen können.

 

An wen richtet sich der Kongress?

Der Kongress hat sich zur Aufgabe gemacht, in erster Linie Vertreterinnen und Vertreter von Kommunen anzusprechen, die ressortübergreifende Strategien und Konzepte der Bewegungsförderung umsetzen wollen beziehungsweise dies bereits tun. Wir möchten über aktuelle Strategieansätze in der Bewegungsförderung informieren und eine verbesserte Zusammenarbeit und einen umfassenderen Erfahrungsaustausch der verschiedenen Bereiche erreichen. Themen werden unter anderem die Herausforderungen für Sport, Bewegung und Gesundheit als Standortfaktoren und damit als unverzichtbarer Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge sein. Digitalisierung bildet einen zusätzlichen Schwerpunkt.

 

Welche Hoffnungen und Impulse verbinden Sie mit Urban Sport & Health?

Der Kongress Urban Sport & Health möchte die vielfältigen Akteure zusammenbringen, dabei helfen, das gegenseitige Verständnis zu verbessern und Kooperationen der unterschiedlichen Fachrichtungen fördern. Durch aktuelle Keynotes, aufschlussreiche Sessions und spannende Panels werden die Kernfragen und ressortübergreifende Wege zu ihrer Lösung erörtert.

 

Quelle: wirkhaus.berlin

"Die Erzählung von Sport und Stadt kann nur mit allen Ressorts geschrieben werden"

Basketball-Star Henning Harnisch ist beim Kongress „Urban Sport & Health“ dabei.

 

Henning Harnisch hat viele Visionen einer sportlichen Stadt der Zukunft. Mit „ALBA macht Schule“ hat die Basketball-Legende eine dieser Ideen längst tatkräftig umgesetzt. Der neunmalige Deutsche Meister und Europameister und heutige Vizepräsident von Jugend ALBA Berlin e.V. diskutiert mit beim  Kongress „Urban Sport & Health“ am 19. und 20. November in Berlin. Im Interview erklärt Henning Harnisch, welche Potentiale Sport in der Stadt hat.

Der Kongress möchte unterschiedliche Bereiche zusammenbringen, darunter Stadtentwicklung, Sportwissenschaft und Vereine. Warum ist das wichtig?

Wenn man ernsthaft an einer Sporterzählung in der Stadt schreiben will, dann berührt man nie nur ein Ressort. Das ist immer übergreifend. Sport, Stadtentwicklung, Wissenschaft, Kommunen, Kultur beispielsweise – alle sind Teil dieser Erzählung, deren roter Faden ein lebensfreundliches Wohnen und Bewegen für alle Generationen einer Stadt ist. Das Muster, das durch die Einteilung in Ressorts entstanden ist, ist eigentlich deshalb ziemlich wirklichkeitsfremd.

Es ist eine politische Aufgabe, deutlich zu machen, welche Rolle Sport spielt, um Bereiche zu verbinden und zu einem Ganzen werden zu lassen.  Diese Perspektive auf Stadt und Sport muss entschieden fokussiert werden.

 

Auf dem Kongress sollen Ideen entwickelt werden, wie man Stadt bewegungs- und gesundheitsfördernder gestalten kann. Wie sieht eine Stadt aus, in der Menschen gern sportlich aktiv sind?

Ich bin mir ganz sicher: Die Ideen sind längst da. Es gibt in Berlin beispielsweise Konzepte einer Fahrradstadt, der Stadt als Sportpark und vieles mehr, das zu einem urbanen sportlichen Leben beiträgt. Die Hauptfrage ist vielmehr, wie die Menschen hinter den Konzepten handlungsfähig werden und ihre Ideen umsetzen können. Manchmal frage ich mich, warum eine Stadt wie Berlin zum Beispiel nicht endlich sagt: Wir nehmen die Ideen, packen jetzt richtig an und in zehn Jahren sind wir die sportlichste und bewegungsfreundlichste Stadt von allen. Der Kongress ist dafür schon ein guter Schritt in die richtige Richtung, aber danach müssen weitere folgen.

 

Wie kann man für die Umsetzung Digitalisierung nutzen?

Digitalisierung hat große Potentiale für den Sport. Im Wesentlichen gibt es hier zwei Kernbereiche: Zum einen, die Stadt als einen großen Sportpark zu begreifen. Die Wege, die durch diesen Park zu Angeboten führen, kann man digital finden und planen. Sport kommt heute oft ohne die klassischen Mitgliedschaften beispielsweise in einem Sportverein aus. Stattdessen gibt es Angebote, die relativ kurzfristig wahrgenommen werden können. Mit Hilfe von Digitalisierung kann man solche Verdichtungsräume von Sportmöglichkeiten leichter finden und nutzen.

Zum anderen ist Digitalisierung ein ganz großer Lebensbereich unserer Kinder. Das ist eine Chance und wir sollten sie nutzen, um Kinder sportlicher zu machen. Wie wird man ein Fußballer, wie sieht der Bewegungsablauf beim Basketball aus? Genau solche Fragen kann Digitalisierung stellen und dann auch beantworten. Digitalisierung kann dann ein virtuelles, weltweites Vereinsheim entstehen lassen. Eine großartige Perspektive.

 

Quelle: wirkhaus.berlin

"Konkrete Handlungsempfehlungen, um sportliches Leben in der Stadt zu ermöglichen"

Lothar Räcke im Gespräch zum Kongress „Urban Sport & Health“.

 

Lothar Räcke vom Hessischen Ministerium des Innern und für Sport hat in seinem Bundesland vielfache Erfahrungen mit dem Thema Sport und Gesundheit in urbanen Räumen gemacht. Sein Wissen bringt das Mitglied der Arbeitsgruppe der Sportministerkonferenz „Sport und Gesundheit“ mit zum Kongress „Urban Sport & Health“, der am 19. und 20. November in Berlin stattfinden wird. Im Gespräch erzählt Lothar Räcke, was er sich vom Kongress erhofft.

2017 haben Sie in Hessen die Tagung „Sport und Bewegung/Sportland Hessen bewegt“ veranstaltet. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Tagung gemacht, was hat sich daraus entwickelt?

Mit der Veranstaltung „Sportland Hessen bewegt“ im Juni 2017 in Frankfurt am Main haben das Hessische Ministerium des Innern und für Sport und der Landessportbund Hessen die Herausforderungen, die der Bereich Sport und Gesundheit mit der Aufforderung nach mehr Bewegung stellt, benannt und zukunftsfähige Bewältigungsmöglichkeiten aufgezeigt. Wir haben uns von dem Gedanken leiten lassen, dass wir sehr detailliert um den gesundheitlichen Nutzen von Bewegung wissen. Was wir haben, ist kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsdefizit. Deshalb wurden sehr konkrete Handlungsempfehlungen für die verschiedenen Lebensabschnitte erarbeitet. Wichtig war uns auch, dass die Bewegungsförderung im öffentlichen Raum einbezogen wurde.

Das Hessische Ministerium des Innern und für Sport arbeitet auf der Grundlage der Konzeption „Sportland Hessen bewegt“ seit dieser Zeit die Empfehlungen der Fachtagung konsequent ab. Beispielhaft will ich die Durchführung von Bewegungschecks in Schulen oder die Benennung von Modellregionen nennen. Zudem haben wir uns eine Umsetzungsstruktur unter Einbeziehung anderer Ministerien, der Kommunalen Spitzenverbände und des organisierten Sports überlegt.

 

Welche Chancen enthält der Aspekt „Sport und Gesundheit“ aus Perspektive der Kommunen?

Auf der Grundlage der publizierten „Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung“ gilt es, diese Empfehlungen in die Breite zu bringen. In den Kommunen gibt es die größte Nähe zu den „Endverbrauchern“, die erreicht werden sollen. Kommunen wollen lebenswert sein. Im Bereich Bewegung und Gesundheit haben sie ähnliche Interessen. Sie sollten deshalb – orientiert an der Bevölkerungsstruktur – unterstützt und zusammengeführt werden, sodass sie voneinander lernen können.

 

Was ist dabei besonders zu beachten?

Zu beachten ist, dass es oft noch signifikanten Nachholbedarf im Bereich Vernetzung der bewegungsfördernden und ganzheitlichen Ansätze gibt. Notwendig ist eine koordinierte Zusammenarbeit vieler unterschiedlicher Bereiche. Unter anderem Sport, Gesundheit, Stadtentwicklung, Schulen, Bildung, Jugendhilfe und Soziales. Nur eine übergreifende Gesamtstrategie führt zu einer sinnvollen und effektiven Bündelung von Ressourcen und Kompetenzen.

 

Was wünschen Sie sich von dem Kongress in Berlin?

Dass der Kongress wichtige Erkenntnisse und neue Ideen für den Bereich Sport, Bewegung und Gesundheit in der digitalisierten Welt liefert und die Bedeutung von Sport und Gesundheit als essentieller Bestandteil in bestehenden und zukünftigen Präventions- und Rehabilitationsstrategien verstärkt ins Bewusstsein rückt, wäre das eine. Weiter sollten hier Strategien zur Umsetzung von Bewegungsempfehlungen entwickelt sowie Handlungsempfehlungen für einzelne Bereiche erarbeitet werden. Außerdem wäre es wünschenswert, wenn der Kongress eine Plattform für Kooperationen von Sport, Bewegung, Gesundheit und anderen Bereichen bietet.

Quelle: wirkhaus.berlin

"Wir haben alle ein Ziel: Mehr Sport ermöglichen"

Urban Sports Club-Chef Benjamin Roth glaubt an das Potential eines guten Netzwerkes.

 

Moritz Kreppel und Benjamin Roth sind die Geschäftsführer des Urban Sports Club. 2013 als Start-up gegründet, schafft Urban Sports Club für seine Mitglieder neue Möglichkeiten, um vielfältige Sportangebote wahrzunehmen. Im Interview erzählt Benjamin Roth, welche Chancen sich durch Kooperationen eröffnen und welche Hoffnung er mit dem Kongress Urban Sport & Health verbindet. 

Was ist der Urban Sports Club?

Der Urban Sports Club kombiniert verschiedene Sportangebote einer Stadt und ermöglicht, mit einer einzigen Mitgliedschaft, bei vielen Anbietern Sport zu treiben. Früher musste man einem Sportverein beitreten oder den Jahresvertrag eines Fitnessstudios abschließen, um dort Angebote wahrnehmen zu können. Wir möchten es den Menschen ermöglichen, noch flexibler Sport treiben zu können. Deshalb haben wir mit 3.000 Anbietern in Deutschland, aber auch in Paris und Rom, Kooperationen geschlossen. Das erlaubt es denen, die die Flatrate bei uns gebucht haben, die volle Bandbreite des Sports nutzen zu können. Egal, ob ich heute im Schwimmbad Bahnen ziehen möchte oder lieber zum Yoga gehe, morgen aber in einem anderen Stadtteil Fußballspielen will – das geht alles sehr unkompliziert.

 

Wie entstand die Idee des Urban Sports Club?

Ich hatte 2009 schon ein anderes Start-up gegründet, das sich auf die Organisation von Fußballspielen und die Auslastung kommerzieller Fußballhallen beschränkte. 2012 haben Moritz Kreppel und ich dieses Konzept mit dem Urban Sports Club um- und ausgebaut: Wir wollten ein umfassenderes Angebot für alle Freizeitsportarten schaffen. Ein Schwerpunkt von Urban Sports Club ist außerdem, dass wir es Arbeitsgebern erleichtern, genau den Firmensport für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu fördern, den die auch möchten und den sie in dem Stadtteil finden, in dem sie sich bewegen.

 

Gibt es noch ausbaufähige Ressourcen für leicht zugängliche Sportangebote im städtischen Raum?

Das glaube ich ganz sicher. Es gilt zu schauen, welche Potentiale Kooperationen mit städtischen Sportvereinen bieten. Wir könnten helfen, die Auslastung etwa von Sporthallen und Fußballplätzen zu optimieren. Durch unser digitalisiertes Angebot können wir Netzwerke schaffen und leichter erkennen, welche Trends herrschen und welche Sportarten gerade gefragt sind. Dieses Wissen könnten auch die Vereine für sich nutzen. Ein anderer Bereich ist die Prävention und Gesundheitsförderung. Gemeinsam mit unseren Partnern, aber auch Krankenkassen, können wir den Sport für Menschen noch einfacher zugänglich machen und Kommunen bei der Sportförderung unterstützen.

 

Welche Chancen bietet der Kongress Urban Sport & Health?

Der Kongress bringt zum ersten Mal die Akteurinnen und Akteure an einen Tisch, die sich damit beschäftigen, wie man ein sportliches Leben in der Stadt fördern kann. Besonders spannend finde ich, dass das Thema aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet wird. Ich hoffe, dass mögliche Berührungsängste abgebaut werden, denn wir ziehen ja alle gemeinsam an einem Strang: Wir möchten mehr Menschen dazu bewegen, mehr Sport zu treiben.

(Quelle: wirkhaus.berlin)

Motivation für ein aktives Leben

Prof. Dr. Petra Wagner ist eine der Keyspeaker des Kongresses „Urban Sport & Health“.

 

Prof. Dr. Petra Wagner ist Expertin für „Gesundheits- und Rehabilitationssport“ an der Universität Leipzig und leitet das Institut für Gesundheitssport und Public Health der Sportwissenschaftlichen Fakultät. Auf dem Kongress Urban Sport & Health ist Frau Wagner eine der Keyspeakerinnen und gibt wichtige Impulse für eine bewegungsfreundlichere Stadt. Im Interview erklärt sie, welche Aspekte von sportlicher Motivation es bei Planungen zu berücksichtigen gilt.

 

Motivation / Institut für Gesundheitssport und Public Health, 
Fakultät für Sportwissenschaft, 
Universität Leipzig

Zahlreiche Studien belegen, dass sich die Menschen in Deutschland heute insgesamt weniger bewegen als früher. Welche Rolle spielt dabei Motivation? 

Eine solche Motivation wächst nicht von heute auf morgen, das wissen wir aus den Arbeiten der Gesundheitspsychologie. Motivation und die Umsetzung von Zielen sind ein längerer Prozess. Dieser Prozess besteht im Wesentlichen aus zwei Phasen, nämlich der motivationalen Phase, in der die Absicht entsteht, aktiv zu werden, und der volitionalen Phase, die den bewussten Willen und Plan betrifft, in der man aktiv wird. Die Intention, Sport zu treiben, weil man um die guten Wirkungen weiß, haben viele. Sie scheitern aber oft an der konkreten Umsetzung. Hilfreich ist ein Aktionsplan, der umfasst, wann, wo, wie und gegebenenfalls mit wem wir uns bewegen möchten. Dieser Plan enthält zusätzlich Strategien, wie wir zum Beispiel damit umgehen, wenn wir joggen möchten, aber es regnet oder die Familie wartet, weil das Abendessen noch nicht gekocht ist, während man Volleyball gespielt hat. Das ist die individuelle Perspektive, woran die feste Absicht, sportlich aktiv zu werden, scheitern kann. Dazu kommen die äußeren Bedingungen, also ob man beispielsweise erst durch die halbe Stadt fahren muss, um zu trainieren oder es keinen Fahrradweg und keine öffentlichen Verkehrsmittel zum Sportplatz gibt. Nicht zuletzt braucht es positive Erfahrungen beim Sporttreiben, d.h., Erwartungen sollten erfüllt werden, entsprechende Emotionen wie Freude sollten damit verbunden werden, sonst wird der Sport wieder abgebrochen.

 

Wie kann man diese Kenntnisse nutzen, damit Sport für Menschen einfacher möglich wird?

Wichtig ist, dass man die spezifischen Erwartungen der unterschiedlichen Zielgruppen berücksichtigt. Es gilt zu fragen, was Senioren sich erwarten, wenn sie Sportangebote wahrnehmen. Die Forschung zeigt beispielsweise, dass es älteren Personen meist darum geht, sich gemeinsam mit Anderen zu bewegen, vielleicht auch mit den Enkeln. Entsprechend muss man niedrigschwellige Angebote schaffen, die den sozialen Charakter betonen. Gleichzeitig ist aber das Angebot, das auf die Bedürfnisse von Senioren eingeht, nicht unbedingt etwas für einen zwanzigjährigen Mann, der ganz andere Erwartungen an Sport stellt. Es sind ganz spezifische Bedarfe, die ganz unterschiedliche Gruppen haben. Es gilt, diese zu analysieren und entsprechend zu reagieren.

 

Oft wird die Position vertreten, die zunehmende Digitalisierung sei für die Bewegungsarmut mit verantwortlich. Sehen Sie in Bezug auf den Sport die Digitalisierung eher als Bedrohung oder als Chance?

Es gibt ganz heterogene Befunde zu den Auswirkungen von Digitalisierung auf Aktivität, einfach, weil es ganz unterschiedliche Gruppen gibt, die sich unterschiedlich mit digitalen Medien beschäftigen. Ein hoher TV-Konsum ist oft mit mangelnder Bewegung verbunden, eine umfassende Benutzung  des Handys dagegen nicht, weil man sich mit dem Smartphone ja auch bewegen kann. Es ist wichtig, dass wir Medien und Digitalisierung insgesamt dazu nutzen, Bewegung zu befördern. Digitale Medien haben oft einen hohen Aufforderungscharakter. Beispielsweise können durch eine Aktion, bei der Menschen aufgerufen werden, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren und gegeneinander in Wettbewerb treten, viele zu sportlicher Aktivität aktiviert werden. Wenn wir die Potentiale von Digitalisierung methodisch-didaktisch gut aktivieren, ist die technische Neuerung ganz sicher eher Segen und kein Fluch.

(Quelle: wirkhaus.berlin)

"Bewegung steigert das allgemeine Wohlbefinden"

Dr. Heidrun Thaiss im Interview zum Sport für Ältere im urbanen Raum.

 

Frau Dr. Heidrun Thaiss ist Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und wird am 19. und 20. November beim Kongress Urban Sport & Health in Berlin mit dabei sein. Wie man Bewegung in den Alltag integrieren kann und wie gerade ältere Menschen sportlich aktiv werden können, ist einer der Schwerpunkte von Frau Dr. Thaiss bei der Veranstaltung.

Heidrun_Thaiss

Warum ist es gerade auch für ältere Menschen wichtig, sich zu bewegen?

Im Alter steigt das Risiko für chronische Erkrankungen. Viele ältere Menschen leiden an Bluthochdruck, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Diabetes mellitus oder Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Bewegungsaktive Menschen sind deutlich seltener von den genannten Erkrankungen betroffen. Darüber hinaus steigert Bewegung das allgemeine Wohlbefinden, verbessert die geistige Leistungsfähigkeit und verringert das Sturzrisiko. Ein körperlich aktiver Lebensstil erhält die Selbstständigkeit und trägt wesentlich zu einem gesunden Altern bei.

 

Viele Menschen meinen, während ihres Arbeitslebens nicht genügend Zeit für Sport zu haben. Was sollte man beachten, wenn man nach einer langen Zeit der Bewegungsabstinenz im Rentenalter wieder mit Sport anfangen möchte? Welche Bewegungsformen bieten sich wo an?

Wer lange Zeit inaktiv war und wissen möchte, welche Sportart besonders geeignet ist, bespricht sich am besten erst einmal mit der Hausärztin bzw. dem Hausarzt. Wichtig ist, Spaß an Bewegung zu haben. Dabei müssen keine sportlichen Höchstleistungen erzielt werden. Wer allein schon seinen Alltag aktiver gestaltet, Treppen statt den Aufzug nutzt oder kleinere Einkäufe zu Fuß erledigt, bewegt sich und verbessert seine Gesundheit. Das ist das Konzept des BZgA-AlltagsTrainingsProgramms (ATP): Den Alltag drinnen und draußen als Trainingsmöglichkeit zu verstehen und dadurch mehr Bewegung in das tägliche Leben einzubauen.

 

Wie können Bewegungsangebote, die sich gezielt an Menschen in den späteren Lebensphasen richten, in einen urbanen Raum implementiert werden?

Um eine dauerhafte Verhaltensveränderung des Einzelnen zu bewirken, müssen nachhaltige, bewegungsfördernde Verhältnisse geschaffen werden. Dabei kommt den Lebenswelten älterer Menschen in der Kommune – dem Quartier, Senioren- und Pflegeeinrichtungen sowie dem organisierten Sport – eine besondere Bedeutung zu. Es reicht zum Beispiel nicht, Bewegungsparcours oder Routen für Stadtteilspaziergänge einzurichten – hier gehören Bänke dazu, damit sich ältere Menschen auch einmal ausruhen können. Daneben werden weitere flankierende Maßnahmen der individuellen Gesundheitsförderung benötigt, wie sie das BZgA-Programm „Älter werden in Balance“ anbietet, zum Beispiel in Form von gut verständlichen Gesundheitsinformationen zur Stärkung der Gesundheitskompetenz.

(Quelle: wirkhaus.berlin)

"Bewegung in den Alltag integrieren"

Dr. Karin Barnard nimmt am Kongress Urban Sport & Health in Berlin teil.

 

Welche Auswirkungen hat ein sportliches Leben auf die Gesundheit? Das ist eine der Fragen, mit denen sich Dr. Karin Barnard von der Paul Gerhardt Diakonie schon lange beschäftigt. Im Interview erklärt die Leiterin der Stabsstelle Präventionsmedizin der Paul Gerhardt Diakonie in Berlin, warum Bewegung nicht nur Menschen in der Stadt gut tut.

Karin_Barnard

Der Kongress Urban Sport & Health thematisiert unter anderem, wie Städte bewegungsfreundlicher gestaltet werden können. Bewegen sich die heutigen Stadtmenschen zu wenig?

Nein, Stadtmenschen bewegen sich grundsätzlich nicht zu wenig. Immer mehr Menschen entdecken Bewegung für sich als gesundheitsförderliche Maßnahme, als Teil der Lebensqualität! Dazu gehören z.B. das Joggen in einem der vielen Parks in Berlin oder regelmäßige Besuche im Fitness-Studio. Außerdem gibt es eine immer größer werdende Gruppe von Menschen, die beispielsweise mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.

Auch wenn diese Gruppe insgesamt noch eher klein ist, wächst sie kontinuierlich. Es ist inzwischen eine Art von Lifestyle, mit dem Fahrrad durch Berlin zu fahren.

Natürlich gibt es aber auch die Menschen, die tagtäglich mit dem Auto zur Arbeit fahren und – geschuldet eines, eher subjektiven  Zeitdrucks – kaum Zeit finden, von A nach B zu laufen oder sich am Abend oder am Wochenende sportlich zu betätigen. Auch das ist Zeitgeist, wenn versucht wird, ein Maximum an Aktivitäten in den Tag zu klemmen und Familie, Beruf und Hobbies möglichst optimal unter einen Hut zu bringen.

Die Lösung: Je besser Bewegung in den Alltag integriert werden kann, d.h. mit möglichst wenig gefühltem Zeitverlust und mit einem erhöhten Mehrwert für den Menschen, desto erfolgreicher werden – meiner Meinung nach – Modelle für eine bewegungsfreundliche Stadt sein. Eine große Herausforderung an die Planer: die nötige Infrastruktur und Angebote müssen vorhanden sein, die Menschen überzeugen und  so eher unterschwellig die Lust auf Bewegung steigern. Ohne Druck und Zwang, dafür freiwillig und aus voller Überzeugung. Dann sind solche Konzepte m.E. langfristig erfolgsversprechend.  

 

Gibt es ein Lebensalter, in dem Sport besonders wichtig ist und für das man in einer Stadt der Zukunft gezielt Angebote schaffen sollte?

Grundsätzlich gilt, wie bei vielen Dingen im Leben: je früher, desto besser. Wer schon als Kind mit Sport anfängt, dem fällt die Fortführung  mit zunehmenden Alter leichter.

 Als Ärztin kann ich hier an Hand einer relativen neuen Wissenschaft – der Epigenetik- argumentieren. Die Epigenetik zeigt immer mehr, wie die Nutzung des Erbmaterials, d.h. das Ablesen und An- und Abschalten von Erbinformation, beispielsweise durch die Umwelt beeinflusst wird. Man nimmt an, dass ein Mensch bereits in vielerlei Hinsicht im Mutterleib geprägt wird: wird er dick oder dünn, ist er eher sportlich oder träge!

Der Lebensstil der Mutter kann so bereits in der Schwangerschaft festlegen, wie sich das Kind später entwickelt. Hier finden wir also bereits das erste Argument, in der Schwangerschaft moderaten und mit dem Arzt abgestimmten Sport zu treiben und so gesund wie möglich zu leben. Ein weiteres Argument für möglichst frühen Sport ist das so genannte Muskelgedächtnis. Hier wird, gleichfalls basierend auf der  Epigenetik,  davon ausgegangen, dass Muskeln sich an frühere sportliche  Aktivitäten erinnern und später – auch nach längeren Pausen – wesentlich einfacher und schneller wieder trainiert werden können. So stellen sich Erfolgserlebnisse schneller ein und die dadurch gewonnene Motivation hilft, nicht aufzugeben.

 Diesem Ansatz wird in Spandau – in Kooperation mit dem Bezirk, dem Evangelischen Waldkrankenhau und anderen Partnern –  durch ein spezielles Bewegungskonzept Rechnung getragen. Das Konzept soll ein Bezugsrahmen für den Aufbau sowie weiteren Ausbau eines bewegungsförderlichen und -freundlichen Bezirks darstellen. Ein Fokus liegt hierbei auf niederschwelliger Bewegungsförderung für alle Kinder und Jugendliche, um ein chancengleiches Aufwachsen zu fördern. Eine schon länger bestehende Maßnahme sind z. B. die Spandauer Winter-Spiel-Plätze. Außerdem bietet der Bezirk langfristige Angebote an, um Menschen jeden Alters zu motivieren, neu bzw. wieder in ein passendes, individuelles Bewegungskonzept einzusteigen. Solche Strukturen können nur durch ämter- und trägerübergreifende Zusammenarbeit sowie Unterstützung und Förderung des Bezirkes aufgebaut und aufrechterhalten werden.

Grundsätzlich gilt: es ist nie zu früh oder zu spät, mit Sport anzufangen!  Der Mehrwert für Körper und Geist wurde in zahlreichen Studien dargestellt.

 

Welche positiven Auswirkungen hat lebenslanger Sport?

Sport hat positive Aspekte auf alle Bereiche des Lebens: die psychische und physische Gesundheit, die  sozialen Kontakte, der Einbindung in soziale Netzwerke usw. Sport macht glücklich und fördert die Gemeinschaft. Sport in der richtigen Dosierung hilft dem langfristigen Erhalten und der Stabilisierung der Gesundheit, schützt vor Krankheiten und sorgt sogar dafür, dass es Menschen nach Krankheiten wieder besser geht. Um nur einige Beispiele zu nennen: durch regelmäßigen Ausdauersport wird der Blutdruck gesenkt, chronischen Erkrankungen vorgebeugt, dem Übergewicht – Ursache vieler Erkrankungen – entgegengesteuert.  Wichtig ist allerdings bei allem das richtige Maß!

Sowohl bei Kindern als auch bei Menschen mit zunehmendem Alter fördert Sport die Koordinationsfähigkeit und vermindert Unfälle. In zahlreiche Untersuchungen wurde festgestellt, dass regelmäßige sportliche Betätigungen die Konzentrationsfähigkeit verbessern – bei Kindern genauso wie bei älteren Menschen.   Kinder lernen durch Sport in Vereinen Teamfähigkeit und den Reiz, gemeinsam Ziele zu erreichen. Ältere Menschen trainieren nicht nur ihren Körper, sondern finden durch neue soziale Kontakte Halt und Stabilität.

Grundsätzlich ist Sport meines Erachtens beinahe so etwas wie ein Allheilmittel – präventiv wunderbar einzusetzen, um Generationen von Menschen positive Impulse zu geben.    

(Quelle: wirkhaus.berlin)

Global Action Plan on Physical Activity

This conference is one of the first national events following the launch of the Global Action Plan on Physical Activity on 4th June 2018 which is WHO’s new initiative to raise attention and accelerate the implementation of effective prevention policy measures to address the increasing burden of non-communicable diseases world-wide.

To be successful in increasing global levels of participation in physical activity, we need more effort from all countries as well as cross-sectoral approaches. This conference in Berlin, Germany, underlines the country’s international support for improving global health and achieving the Sustainable Development Goals, particularly SDG3.4 (a reduction of non-communicable diseases) and supporting people to live a more active and healthier life.

Another key focus and opportunity of this national event is to attract and interest young people and to demonstrate how urban planning, digitalization, active transportation and sport can be a successful response to the health challenges the world is currently facing.

Fiona Bull